Ein Selbstläufer im Familienzentrum
Kinder erobern die Nähwelt für sich
Ein „Bestseller“ im Familienzentrum Brede startet nach einer mehrjährigen Pause neu durch. Schnell vergessen sind die Smartphones in den Taschen, wenn sich die jungen Mädchen dienstagsnachmittags an die Nähmaschinen setzen. Hochmotiviert stürzen sich die Kinder – vornehmlich im Grundschulalter – in ihre kleinen Nähprojekte. Seitdem Heike Kretzer vor rund zehn Jahren in der Brakeler Kindertageseinrichtung erstmals einen „Nähmaschinen-Führerschein“ für Kinder anbot, sind die Kurse voll. „Man wundert sich, was die Kinder schon für tolle Sachen nähen können. Das hätte ich mir vorher gar nicht vorgestellt“, schwärmt die Nähexpertin von dem Kurs – ursprünglich für Kinder ab zehn Jahren konzipiert –, in dem sich schnell auch Jüngere einfanden. Inzwischen waren die jüngsten Teilnehmenden sieben Jahre alt. „Die Kinder sind unkomplizierter zu unterrichten als die meisten erwachsenen Nähanfänger*innen“, sagt die Kursleiterin.
Nach jeder Einheit für den „Nähmaschinen-Führerschein" nehmen die Nähanfänger*innen ein fertiges Produkt mit nach Hause.
Die Idee zu dem Nähkurs für Kinder stammte von Schwester Veronika, die damals das Familienzentrum leitete und Heike Kretzer durch ihre Kinder kennengelernt und später an ihrem Näharbeiten-Stand auf dem Brakeler Weihnachtsmarkt wiedergetroffen hatte. „Zu der Zeit gab es Kindernähkurse in der Umgebung überhaupt nicht“, berichtet Heike Kretzer, deren Familienzentrumskurse längst zum Selbstläufer geworden sind, auch wenn sie schließlich corona- und später berufsbedingt einige Jahre mit dem Nähmaschinen-Führerschein pausierte. Auch ihr Kurs nach dem Neustart, der Mitte März in der Kolping Kindertageseinrichtung Brede begann, ist mit fünf kleinen Näherinnen – seit 2015 gab es erst einen Jungen – ans Teilnehmerlimit gekommen. In vier Einheiten werden die Nähneulinge an die Nähmaschinen herangeführt. Was kann man mit dem Gerät alles machen? Was muss ich beachten? Danach geht’s an die ersten Grundfertigkeiten: Die Kinder lernen das Einfädeln, Aufspulen und beispielsweise Ecken und Rundungen auf Papier nähen sowie Schnittmuster ausschneiden.
Perfektes Anfängeralter
Wichtig ist Heike Kretzer, dass die Kinder nach jeder Einheit ein fertiges Produkt mit nach Hause nehmen. Ob Schlüsselanhänger, Lesezeichen oder -knochen, Rollmäppchen, kleine Etuis oder Kissen mit Applikationen, Osterkörbchen – das bekommen die kleinen Nähanwärter*innen gut hin. Selbst das Nähtenähen geht ihnen gut von der Hand – im Gegensatz zu vielen erwachsenen Nähanfänger*innen. „Erwachsene denken zu kompliziert und haben Schwierigkeiten zu begreifen, wie man Nähte umgekehrt näht, damit man sie später nicht sieht“, berichtet Heike Kretzer. „Kinder gehen einfach dran und machen.“
Oft haben die Kleinen schon sehr genaue Vorstellungen davon, was sie nähen möchten. Zum Beispiel die Puppenmamas, die alles – angefangen von Windeln über Wickeltaschen bis hin zu Röckchen – für ihre Puppen nähen. Auch Barbie-Accessoires stehen hoch im Kurs. Das ist oft auch der Ansporn, der die Kinder in die Kurse lockt. „Sonst wird das Nähen kaum noch vermittelt, in den meisten Schulen wird es nicht mehr gelehrt“, sagt die Brakelerin, die inzwischen auch als Alltagshelferin in der Kolping Kita arbeitet. „Mütter haben nicht immer die Zeit und die Geduld, um ihren Kindern das Nähen beizubringen“, sagt Heike Kretzer, die diese Arbeit gerne übernimmt. Ein bis zwei Nähmaschinen hat sie für den Notfall in petto, ansonsten bringen die Kinder ihre eigenen Geräte mit. In ihrer Begeisterung und ihrem Ehrgeiz merken sie gar nicht, wie die Zeit vergeht und aus der geplanten eineinhalbstündigen Einheit werden eher mal zwei Stunden. Die Kinder sind nach dem ersten Kurs so fürs Nähen entflammt, dass sie meistens auch im zweiten Kurs dabei sind. Besonders freut sich die Kursleiterin, wenn sie auf der Straße ehemalige „Führerschein-Schüler*innen“ trifft und diese erzählen, dass sie immer noch nähen. „Das ist was fürs Leben“, sagt Heike Ketzer.