Kreis Höxter in der Vorreiterrolle
Fachtag widmete sich jungen Menschen mit psychischen Belastungen
Bei jedem fünften Kind oder Jugendlichen zwischen acht und 17 Jahren zeigen sich in Deutschland Anzeichen psychischer Auffälligkeiten. Daher hat man sich im Kreis Höxter auf den Weg gemacht, die steigenden psychischen Belastungen von jungen Menschen in den Blick zu nehmen – und ist damit Vorreiter in NRW. „Psychisch krank und (noch) nicht bekannt… Junge Menschen mit psychischen Belastungen in der beruflichen Orientierung, Lebensplanung und beruflichen Anschlussperspektiven" lautete der Titel des ersten Fachtags, den ein Team der „Kommunalen Koordinierung Übergang Schule-Beruf Kreis Höxter“ organisiert hatte. Nicht nur unter den rund 250 Gästen waren Fachkräfte des Kolping Schulwerks aus der Region gut vertreten. Mit zwei Workshops gehörten auch der Kolping Gutshof Großeneder und das Theresia-Gerhardinger-Berufskolleg (TGB) zu den Netzwerkpartnern.
Eva Klare-Kurtenbach und Carolin Amthor-Bröker stellten das Start-off-Projekt vor. Lena Stecken, Mareike Gördemann und Thomas Redeker gaben einen Einblick in die Schulsozialarbeit am TGB. Foto: Jana Sudhoff
Der Fachtag wollte einen Startpunkt setzen, um die Zielgruppe langfristig besser in ihrer beruflichen Orientierung, beim Übergang und in der Ausbildung zu unterstützen. Kern- und Angelpunkte der Veranstaltung im Berufskolleg Kreis Höxter waren: dem Tabuthema einen Raum zu geben, offen über die Thematik zu sprechen, Input und Infos mitzunehmen, sich auszutauschen und zu vernetzen. Vor dem Hintergrund der immensen Herausforderungen unserer Zeit lud Landrat Michael Stickeln in seiner Begrüßungsrede zu einem „bedarfsintensiven Austausch aller Beteiligten entlang der Bildungs- und Ausbildungskette“ ein. Regelrecht „beseelt“ waren die Veranstalter ob der großen Resonanz. Die rund 250 Fachkräfte kamen aus Schulen, Institutionen, Unternehmen, Beratung und Therapie, aber auch Betroffene und ihre Angehörigen waren der Einladung zum Fachtag gefolgt.
„Familien sind kleiner und fragiler“
Bei diesem Fachpublikum punktete Dr. Dirk Dammann, Leiter der Klinik Albert-Schweizer-Therapeutikum in Holzminden, nicht nur mit seiner Begleiterin, der Hündin Baghira. In seinem Impulsvortrag „Das Leben gestalten – gemeinsam den Weg unserer Jugendlichen begleiten” nahm er die Zuhörer*innen mit auf einen interessanten und anschaulichen „bunten Ritt“ auf der Suche nach Verstehen und Verständnis, Schutzfaktoren, Lösungsansätzen und Resilienzen. Eine der wichtigsten Kernaussagen: „Die soziale Unterstützung wirkt am stärksten“, betonte Dr. Dammann, der in seinem Vortrag ein wesentliches Charakteristikum der heutigen Zeit als ausschlaggebende Veränderung im Verlauf der vergangenen 100 Jahre ausmachte: „Die Familien sind kleiner und fragiler.“
Geschützter Raum für Jugendliche auf dem Gutshof
Einen geschützten Raum bietet der Kolping Gutshof in Großeneder momentan 14 schulmüden Jugendlichen in der Start-off-Maßnahme. Geschäftsführerin Eva Klare-Kurtenbach und Gutshof-Projektleiterin Carolin Amthor-Bröker gaben ihre Erfahrungen aus dem Projekt in Themenraum 7 weiter – einer von 13 Foren, in denen unterschiedliche Akteur*innen ihre Angebote, Arbeitsschwerpunkte und Maßnahmen vorstellten. Die beiden Expert*innen gaben Input zur Vorgeschichte, zur Basis der Arbeit, zur ergänzenden Maßnahme „Take-off“ und erklärten, wie die Jugendlichen in ihrem Arbeitsverhalten, ihrer Persönlichkeit und für ihre Zukunft im Berufskolleg, in der Berufsvorbereitung oder Ausbildung gestärkt werden. Auf besonderes Interesse stieß beispielsweise die Möglichkeit, im Rahmen des Hofschuljahres einen ersten Schulabschluss zu erwerben, weil die Maßnahme mit der Ausbildungsvorbereitung der Kolping-Berufskollegs in Brakel bzw. Rimbeck kooperiert. Weitere Fragen aus dem Plenum drehten sich unter anderem um Kriterien zur Aufnahme, Zukunftsperspektiven und um die Abbrecherquote. „Wir haben in diesem Schuljahr eine so hohe Frequenz der Jugendlichen, dass wir erstmals eine Warteliste haben“, berichtete Carolin Amthor-Bröker. Bereits zehn Anmeldungen liegen fürs nächste Schuljahr vor.
Starkes Standing der Schulsozialarbeit am TGB
Im Themenraum 3 überraschte das dreiköpfige TGB-Team – Lena Stecken und Thomas Redeker von der Schulsozialarbeit und Schulleiterin Mareike Gördemann – seine Zuhörer*innen mit dem hohen Stellenwert, den die Schulsozialarbeit am Theresia-Gerhardinger-Berufskolleg (TGB) innehat. Auf 370 Auszubildende kommt eine Schulsozialarbeiterstelle. Dabei sind die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die wegen psychischer Erkrankungen in ihrem Berufsschulalltag Unterstützung suchen, nicht nur in den Berufsfachschulen zu finden, sondern insbesondere auch in der Fachkräfteausbildung, wie Schulleiterin Mareike Gördemann ausführte – für viele eine unerwartete Statistik. Welche Wege und individuellen Ansätze das TGB gefunden hat, um die Erfolgschancen bei der Begegnung mit psychisch belasteten Jugendlichen zu steigern, schilderten die TGB-Vertreter*innen, die ihren Zuhörer*innen auch ihr jüngstes Fundstück als Tipp an die Hand gaben: Über den Patientenservice 116117 können online Erstgespräche bei Psychotherapeut*innen gebucht werden. Ein breites Netzwerk, um vermitteln zu können, Beziehungsgestaltung, niedrigschwellige Kontaktnahme, starke Präsenz der Schulsozialarbeit im Schulleben, intensive Kooperation mit dem Kollegium und der Schulleitung und engmaschige Begleitung gehören am TGB unter anderem zu den Erfolgsfaktoren bei der Begegnung mit psychisch belasteten Jugendlichen.
Welche weiteren Schritte man im Kreis Höxter gehen wird, um die Zielgruppe langfristig gemeinsam zu unterstützen, soll sich aus dem Feedback zum Fachtag entwickeln. „Mir hat am Fachtag gefallen, dass dieses wichtige Thema ins Zentrum des Interesses so vieler Beteiligter aus völlig unterschiedlichen Bereichen gerückt wurde“, sagt Mareike Gördemann, die hofft, dass sich aus diesem Auftakt ein nachhaltiges Netzwerk entwickelt.