Capoeira als Rüstzeug für den beruflichen Alltag
TGB bietet den brasilianischen Kampftanz im Vertiefungskurs
Wer freitags, von brasilianischen Rhythmen angelockt, einen Blick in die Aula des Theresia-Gerhardinger-Berufskollegs (TGB) wirft, wird Zeuge eines ungewohnten Spiels. Die Auszubildenden und ihre Lehrerin bewegen sich im Takt der Musik und führen akrobatische Bewegungen, Tritte und Schläge aus. Angriffe, Verteidigung und Akrobatik wechseln sich ab – jeweils nur spielerisch angedeutet in einem anmutigen Kampftanz, der als immaterielles Weltkulturerbe gilt. Ein Schuljahr lang steht Capoeira auf dem Stundenplan der angehenden Erzieher*innen und Heilerziehungspfleger*innen, die den Vertiefungskurs von Judith da Silva Dias gewählt haben. Ein Gewinn für die Studierenden – für sie persönlich, aber auch für ihre künftigen Klient*innen.
Die angehenden Erzieher*innen und Heilerziehungspfleger*innen am TGB haben sich in ihrem Vertiefungskurs „Capoeira“ von der spannenden Mischung aus Tanz, Musik und Kampf anstecken lassen. Fotos: Jana Sudhoff
„Die Kombination aus Kampfkunst und Musik ist weltweit einmalig“, sagt die Lehrerin, die selbst seit 19 Jahren Capoeira praktiziert und im vergangenen Jahr den ersten Lehrergrad erworben hat. Seit den Sommerferien verbindet sie ihre Leidenschaft mit ihrem Beruf und führt die Teilnehmenden des Vertiefungskurses in die Welt der Capoeira ein. Hier liefert die Musik die Energie für das „Spiel“, sprich den Kampf. Für den nötigen „Energieschub“ sorgen die Studierenden selbst. Sie beherrschen inzwischen die Instrumente der Capoeira Bateria. In diesem Orchester sorgen Berimbau (Musikbogen), Pandeiro (Schellentamburin), Agogô (Metallglocke) und Atabaque (Seiltrommel) für den Rhythmus. Ein eingespieltes Team sind sie auch beim Gesang: Dem Ruf des Vorsingenden antworten sie im Chor – begleitet durch rhythmisches Klatschen.
Scheinduell im Wiegeschritt
Damit geben sie in der Roda (Kreis) den beiden Capoeiristas (Spielern) das Tempo vor, die in der Mitte beim Scheingefecht gegeneinander antreten. Mit einstudierten Bewegungen und Bewegungskombinationen simulieren sie spielerisch Angriffe und Deckung. So tänzeln die Capoeiristas im Wiegeschritt durch die Roda, indem sie abwechselnd mit dem rechten und linken Bein auf die hintere Spitze eines imaginären Dreiecks treten, während sie mit der erhobenen Hand im gleichen Rhythmus das Gesicht und mit dem Ellenbogen das Kinn schützen. Vom Grundschritt Ginga, der Seele der Capoeira, geht’s beispielsweise in die Armada, einen Drehkick-Angriff, und als Antwort in die Cocorinha, die Deckung in der Hocke.
Dass Capoeira trotz des spielerischen Charakters ein Ganzkörpertraining ist, haben die Auszubildenden bereits nach der ersten Stunde erfahren: Der Muskelkater kam prompt. Aber auch ein anderer Effekt stellt sich ein: Durch die bewegungs- und konzentrationsintensiven Einheiten sind Gedankenkarussell und Stress bald ausgeschaltet: „Ich bin danach ausgeglichener und gehe entspannter ins Wochenende“, berichtete eine Studierende begeistert über den mitreißenden Flow. Es ist das Gesamtpaket, das die Auszubildenden an Capoeira fasziniert. Die meisten hat die Neugier in den Kurs gelockt: „Capoeira ist eine eigene Kultur für sich, etwas ganz Spezielles und die brasilianische Musik mit dem Kampfsport ist etwas Besonderes.“ Das möchten sie ihren späteren Klient*innen als interkulturelles Bildungsangebot vermitteln. „Das ist etwas, das man gut an alle Altersgruppen weitergeben kann.“ Und zusammen musizieren, singen und trommeln ist auch mit Menschen mit Beeinträchtigungen möglich. Für Stimmung sorgen und selbst Begeisterung zeigen – darin sehen sie einen ihrer künftigen Arbeitsaufträge. In ihren Augen bietet Capoeira dafür die ideale Steilvorlage.
Lauter kleine Bausteine zur Persönlichkeitsentwicklung
Capoeira hat für Judith da Silva Dias noch einen weiteren Benefit, nämlich für die Weiterentwicklung der Studierenden selbst. Denn das Spiel in der Roda bedeutet auch, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich trauen, sich in der Mitte vor allen in Szene zu setzen. „Capoeira ist ein Entwicklungsraum für Selbsterfahrung und Selbstvertrauen“, sagt die Capoeira-Lehrerin, die am TGB hauptsächlich in Naturwissenschaften und Sport- und Gesundheitsförderung im Einsatz ist. Für sie setzt sich der Kampftanz aus lauter kleinen Bausteinen für die ganzheitliche Bildung zusammen.
Der Kampfsport gibt der Gesundheitsprävention und Bewegung einen Raum: Trainiert werden Fitness, Ausdauer, Beweglichkeit, Kraft, Schnelligkeit und Koordination und damit auch die motorischen Grundfähigkeiten. Durch die Musik und den Rhythmus ist er musisch-ästhetisch geprägt. Sozialverhalten spielt ebenso eine Rolle bei der Capoeira, denn das Einhalten von Regeln sowie die Interaktion miteinander durch nonverbale Kommunikation sind grundlegend. Capoeira stärkt das Gemeinschaftsgefühl. „Capoeira ist inklusiv. Jeder kann hier seinen Platz finden“, zählt Judith da Silva Dias ein weiteres Merkmal auf. Nicht zuletzt erfordert das tänzerische Duell in der Roda Kreativität und Improvisation und steht damit in der Tradition seiner Ursprünge: Afrikanische Sklaven in Brasilien tarnten ihre Kampf- und Verteidigungsübungen als Tanz, um sie vor den Augen der Sklavenhalter zu verbergen und ließen Capoeira damit zum Symbol für Stärke, Kreativität und Widerstandsfähigkeit werden. Inzwischen ist der Funke weltweit übergesprungen – auch am TGB.